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Aktuell

Schwerpunkt-Thema des aktuellen Mitteilungsblattes 3/2018

Die Kampagne «16 Tage gegen Gewalt an Frauen» im Kanton St.Gallen

Die internationale Kampagne «16 Tage gegen Gewalt an Frauen» wurde 1991 ins Leben gerufen. Seit zehn Jahren werden auch in der Schweiz Aktivitäten durchgeführt. Die 16 Tage beginnen am 25. November, dem Internationalen Tag gegen Gewalt an Frauen, und dauern bis zum 10. Dezember, dem Datum, an dem 1948 die Allgemeine Erklärung der Menschenrechte unterzeichnet wurde.

Die feministische Friedensorganisation «cfd» hat die Kampagne vor zehn Jahren erstmals in der Schweiz lanciert. Partnerin des cfd im Kanton St.Gallen ist die Koordinationsstelle Häusliche Gewalt im kantonalen Sicherheits- und Justizdepartement. Im Organisationskomitee sind ausserdem die Opferhilfe, das Frauenhaus, die Fachhochschule für Soziale Arbeit und die Frauenzentrale vertreten. Neben einer Standaktion zu Beginn der Kampagne werden jeweils verschiedene Veranstaltungen durchgeführt wie dieses Jahr z. B. diejenige der Frauenzentrale auf der Lütisburg im Toggenburg (siehe Spalte links).

Die Koordinationsstelle Häusliche Gewalt

Schwerpunktthemen der Koordinationsstelle sind die Bekämpfung der häuslichen Gewalt, Zwangsheiraten und Menschenhandel. Zudem leitet sie im Auftrag der Regierung das Projekt «Häusliche Gewalt und die Kinder mittendrin», dessen Ziel es ist, die Situation der von Gewalt in der Elternbeziehung mitbetroffenen Kinder zu verbessern und ein Handbuch für Fachpersonen zu erstellen. Die Aufgabe der Koordinationsstelle ist neben der Öffentlichkeits- und Sensibilisierungsarbeit die Förderung der Zusammenarbeit der verschiedenen Stellen. Dies geschieht vor allem über die Leitung interdisziplinär zusammengesetzter Runder Tische kantonsweit oder regional. Die Leiterinnen der Beratungsstellen für Familienplanung, Schwangerschaft und Sexualität nehmen an den regionalen Runden Tischen in Buchs und Uznach teil.

Die Koordination bei häuslicher Gewalt ist notwendig, denn diese fordert das Interventions- und Hilfesystem stark heraus. Die beteiligten Personen sind räumlich und wirtschaftlich eng miteinander verflochten. Diese persönliche Verstrickung, die Missachtung der partnerschaftlichen Solidarität, die Ausbeutung der Intimität und das Umschlagen einer Liebes- und Vertrauensbeziehung in offene Aggression machen die Gewalt in Ehe und Partnerschaft für die Betroffenen so erschreckend. Betroffene Familien stehen in Kontakt zu vielen Fachpersonen bei Beratungsstellen, Polizei, Staatsanwaltschaft, Kindes- und Erwachsenenschutzbehörden, Familienrichter/-innen, Sozialämtern usw. Diese schwierige Dynamik der Gewalt zeigt auf, wie wichtig Kampagnen wie die «16 Tage gegen Gewalt an Frauen» sind.

Miriam Reber, Koordinationsstelle Häusliche Gewalt

 

Frauenhaus – erste Anlaufstelle für gewaltbetroffene Frauen

Frau C. konnte keinen Schritt allein gehen. Wen sie besuchen durfte, mit wem Kaffee trinken, wo einkaufen – all das bestimmte ihr Mann. Schläge und Drohungen gehörten zu ihrem Alltag. Nach zwei Jahren «wie im Gefängnis» flüchtete sie ins Frauenhaus St.Gallen. Von dort ging sie nicht mehr zurück zu ihrem Mann. Selbstverständlich war das nicht. Als sie floh, sprach sie kein Wort Deutsch, hatte keine Ausbildung, keine Wohnung, keine Ahnung, was aus ihr werden sollte – und ein kleines Kind im Arm.

Dies ist kein Einzelfall. Es sind immer wieder ähnliche Schicksale, die Frauen zur Flucht ins Frauenhaus zwingen. 84 von Gewalt betroffene Frauen und 60 Kinder haben im letzten Jahr Unterschlupf im Frauenhaus St.Gallen gefunden. Die Zahl bleibt stabil hoch. Die Auslastung während des Jahres kann jedoch schwanken. So war das Frauenhaus in der zweiten Jahreshälfte 2017 durchgehend voll belegt, was bedeutete, dass man in dieser Zeit sehr viele Frauen mit und ohne Kinder abweisen, weiterverweisen oder vernetzen musste.

Arbeit und Leben im Frauenhaus ist anspruchsvoll
Die Betreuung und Beratung der schutzsuchenden Frauen wird immer anspruchsvoller. Viele Frauen haben durch ihre Gewalterlebnisse gesundheitliche, psychische und/oder physische Probleme, die die Mitarbeiterinnen in der Beratung vor ganz neue und vielfältige Aufgaben stellen. So meint Silvia Vetsch, Geschäftsleiterin Frauenhaus St.Gallen: «Wenn noch vor einigen Jahren jeweils einzelne Frauen psychisch oder physisch stark belastet waren, sind heute ca. 80 Prozent der Schutz suchenden Frauen stark belastet.»

Die Aufenthaltsdauer variiert zwischen einem Tag und 110 Tagen. Rund zwei Drittel der Frauen müssen nach dem Austritt aus dem Frauenhaus ihre Existenz neu aufbauen: Sie verlassen ihren Partner definitiv und lassen sich an einem neuen Ort nieder, müssen eine Arbeit suchen und sich neu organisieren. Für diesen Neubeginn bietet das Frauenhaus ebenfalls Hilfe. Die Frauen werden mit ambulanten Stellen vernetzt und dürfen sich im Bedarfsfall wieder melden.

Gewaltspirale – es braucht weitergehende Massnahmen
Doch viele Frauen schaffen es nicht, sich dauerhaft von ihrem Mann zu trennen. Durchschnittlich geht jede fünfte Frau nach dem Austritt aus dem Frauenhaus direkt zum gewalttätigen Partner zurück. Die Frauen landen schon bald wieder im Frauenhaus. Deshalb ist es auch so wichtig, sie beim schwierigen Ablöseprozess zu begleiten und zu unterstützen. Silvia Vetsch bestätigt: «Das Frauenhaus kann nur eine Übergangslösung sein. Die kurze Zeit in dieser Krisensituation reicht schlicht nicht aus, um ein Leben neu aufzubauen. Es braucht längerfristige Massnahmen, damit die Frauen wieder Fuss fassen können. Im Sinne von mehr Nachhaltigkeit planen wir, eine Übergangswohnung einzurichten, um den Frauen in einem geschützten Bereich in die Selbständigkeit zu verhelfen.»

Maya Grollimund Bühler, Vorstandsmitglied Frauenzentrale und Stiftungsrätin Frauenhaus

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Gewalt gegen Frauen geht uns alle an!

Gewalttätige Übergriffe auf Frauen sind kein Phänomen der heutigen Zeit, häusliche Gewalt gab es in der Geschichte der Menschheit schon immer, wie die Legende der Ida von Toggenburg aus dem 12. Jahrhundert erzählt. Ida wurde von ihrem jähzornigen Mann aus Eifersucht von der Burg in die Tiefe gestossen, doch sie überlebte auf wundersame Weise. Die Kapelle in der Klosterkirche Fischingen erinnert an ihr Schicksal und ihr Wirken.

Gewalt gegen Frauen geht uns alle an!
An einen historischen Ort, auf die Lütisburg im Toggenburg, laden wir Sie zu einer Veranstaltung im Rahmen der Kampagne «16 Tage gegen Gewalt an Frauen ein»

Samstag, 1. Dezember 2018
9.30 bis 12.30 Uhr
Die Lütisburg, Burghügel, Lütisburg

 

PROGRAMM

Auftakt Jacqueline Schneider, Geschäftsführerin FZ St.Gallen

Begrüssung Imelda Stadler, Kantonsratspräsidentin und Gemeindepräsidentin Lütisburg

Brunch-Buffet

Referat Silvia Vetsch, Leiterin Frauenhaus St.Gallen

Forumtheater der Theaterfalle Basel «E Gwalts-Überraschig»

 

Kosten (Kasse vor Ort)
Fr. 10.- Mitglieder der FZ St.Gallen
Fr. 15.- Nichtmitglieder

Anmeldung bitte bis 23. Nov. 2018
Mail oder Tel. 071 222 22 33